11.11.2017

Theorie der Revolution

I
Revolution ist die Umkehrung wesentlicher Verhältnisse derart, daß neue und höherstehende Verhältnisse wesensbestimmend werden.

II
Konterrevolution ist eine entgegengesetzte Umkehrung wesentlicher Verhältnisse dergestalt, daß alte und tieferstehende Verhältnisse wesensbestimmend werden.

III

Doppelrevolutionen (aus Revolution und Konterrevolution) sind beidseitig gerichtete Umkehrungen wesentlicher Verhältnisse, deren Wirkungen sich sowohl wechselseitig neutralisieren als auch asymmetrisch verstärken können. Sie sind Betragsrevolutionen. Eine vollständige Revolution, die in eine ebenso vollkommene Konterrevolution umschlägt, neutralisiert sich zu einer Nullität. Der bolschewistische Umsturz in Rußland und sein Umsturz des Umsturzes 70 Jahre später erwecken diesen Eindruck.

IV
Revolution hängt am technischen Terminus der Umkehrung, nicht aber an dem der Umwälzung oder dem des Umsturzes. Die Umkehrung ist nämlich die dialektische Operation, die allein etwas Revolutionäres hervorbringen kann, also etwas ganz anderes als Umwälzungen und Umstürze. Der Umsturz reißt das Obere herab und bringt alles in die Niederlage, denn nichts soll etwas Höheres sein. Der Umsturz ist die Gleichmacherei der Niederlage für alle. Dagegen ist die Umwälzung eine Umkehrung der Vorzeichen, indem das Oberste zum Untersten gemacht wird und das Unterste zum Obersten.

V
Umstürze und Umwälzungen verändern nur die relativen Stellungen des Oberen und des Unteren zueinander: ein Obiges wird ein gleichermaßen Untiges und also hat der Sturz des Oberen eine Gleichmachung zum Unteren hin bewirkt. Bei der Umwälzung kann ein besseres oder schlechteres Subjekt in die obere Position gelangen, aber im Grundsatz bleibt der Unterschied von oben und unten erhalten und die Qualität des umgewälzten Gesamtverhältnisses bleibt gleich. Ganz im Gegensatz dazu hat der Umsturz wie jeder Sturz eine gleichmacherische Tendenz nach unten. Nach dem Sturz alles Hohen und aller seiner Denkmäler im Lande blieben nur noch die Sockel stehen.

VI
Revolutionstheoretisch ist allein die Umkehrung von wesentlichen Verhältnissen bedeutsam, nicht jedoch die damit häufig einhergehenden Umstürze und Umwälzungen. Schnelle Rhythmen eines Geschehens gelten ebenfalls als revolutionstypisch, sind aber kein sicheres Anzeichen des revolutionären Charakters. Evolutionen können verlangsamte Revolutionen sein, insbesondere wenn ihre Umgestaltungen den Eindruck der Unausweichlichkeit erwecken.

VII Die Umkehrungen wesentlicher Verhältnisse können sehr verschieden in die Erscheinung treten: a) durch Putsche militärischer und anderer Art, b) durch Geneigtheiten (Alitäten), c) durch Fähigkeiten (Abilitäten) und d) durch systematisch ausgeführte Lehren (Ismen). Häufige Auslöser von echten Revolutionen sind z.B. Putsche. Putsch heißt, daß handlungsfähige Teile eines Apparates die Aufgaben des handlungsunfähig gewordenen Teiles zusätzlich übernehmen. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme der Gesetzgebungsfunktion durch eine Exekutive, wenn die Legislative zu positiven Mehrheitsentscheiden unfähig geworden ist. Der putschfähige Teilapparat sollte zur putschmäßigen Übernahme anderer zusätzlicher Aufgaben nicht nur geneigt und fähig (putschal und putschabel) sein, sondern sich auch auf eine allgemeine Lehre des Putschismus beziehen können. So haben z.B. Marx und Engels 1848 im „Kommunistischen Manifest“ die putschistische These vertreten, die antikapitalistische Revolution müsse mit der Errichtung einer Diktatur des Proletariats über die bürgerliche Gesellschaft beginnen, und Lenin war zu Beginn des Ersten Weltkrieges davon überzeugt, daß es den Krieg braucht, um die Revolution herbeizuputschen. Lenin hatte recht behalten mit dem erfolgreichen bolschewistischen Oktoberputsch von 1917. Und auch Hitler hatte recht mit seiner legal-parlamentarischen Taktik und war erfolgreich mit seinem Reichstagsputsch vom 30. Januar 1933. Lenin war also ein Kriegsputschist, Hitler ein Parlamentsputschist. Staatlicher Putschismus heißt aber nur, daß die Aufgaben eines ausgefallenen Staatsorgans von einem noch intakten mitübernommen werden; er bedeutet noch keine Revolution der staatlichen Verhältnisse im Sinne ihrer Umkehrung zu Verhältnissen von höherstehendem Wesen.

VIII
Es gibt göttliche, natürliche und menschliche Revolutionen. Immer sind sie eine Umkehrung mit innerer Wesenserhöhung bestimmter Verhältnisse. Wenn Gott sich dazu herabläßt, den Menschen zu schaffen, hat er die Umkehr vom Sein ins Wesen vollzogen und den ihm widersprechenden Geist des Menschen erzeugt. In den weitergehenden Tatgedanken Gottes, sich selber als Vater zu setzen und mit einem Menschenweib einen Sohn zu zeugen, der Mensch und Gott ist, hat sich die theologische Revolutionsfähigkeit Gottes erschöpft. Das Christentum in seiner protestantisch-germanischen Vollendung hat seine revolutionsgeschichtliche Aufgabe erfüllt und ist damit überwunden. Die Fackel der Revolution geht von der Religion auf die Philosophie über. In der Geschichte des deutschen Denkens widerspiegelt sich dieser Vorgang in den Übergängen von Luther auf Leibniz und von diesem auf die deutschen Idealisten Kant, Fichte, Schelling und Hegel. Mit Hegel ist alle Religion zu Philosophie verarbeitet und der menschliche Geist hat sich aus dem Gefängnis des Glaubens befreit und ist in das Reich des Gedankens aufgestiegen.

IX
Natürliche Revolutionen sind vom Beginn der Welt an immer auch am Werk. Die fundamentalen Begriffe der Natur sind Raum und Zeit. Die Umkehr von Raum in Zeit ist revolutionär und daher vorwärts gerichtet, weil der Übergang von dem Raum in die Zeit eine zweite Natur-Kategorie schafft, denn die Zeit ist der Nicht-Raum. Konterrevolutionär ist die Rückwälzung von der Zeit in den Raum, der als absoluter Anfangspunkt jeglicher Naturbetrachtung zugleich eine Rückkehr zum Start ist. Sind aber beide Revolutionen vollzogen, die vorwärtsschreitende von Raum in Zeit und die rückwärtsschreitende von Zeit in Raum, dann entsteht eine neue Totalität aus Raum und Zeit und darin auch die Denkbarkeit ihrer Gleichheit, in der Hegels Naturphilosophie richtigerweise die Gegebenheit von Materie erkannte. Mit der revolutionären und dialektischen (dreiwertigen) Aufhebung von Materie ist dann das Licht entstanden. Damit sind wir bereits im aktuellen Teil der Physik angelangt, nämlich in der Quantenoptik.

X
Aus der revolutionären Dialektik von Raum und Zeit ist die gesamte Natur erbaut. Alle physikalischen Körper werden durch eine Revolution zu chemischen Stoffen, die die äußerliche Bestimmtheit der Physik in die innerliche Wandelbarkeit der Chemie wendet. Diese wiederum wird durch die Biologie revolutioniert, in der der chemische Prozeß der Reagenzien nicht mehr mit einer bestimmten stofflichen Selbstverwandlung erledigt ist, sondern die Aufrechterhaltung eines ewigen Kreislaufes chemischer Einzelprozesse der Zweck ist, also das unsterbliche Leben selber. Somit verdankt sich jeder grundsätzliche Voranschritt in der Entfaltung der Natur – also ihrer Grundbegriffe Raum und Zeit – einer Revolution: einer Umkehr des stufenbestimmenden wesentlichen Verhältnisses, so daß ein neues und höheres Verhältnis wesensbestimmend wird.

XI
Eine der höchsten Verhaltensweisen der Tiere sind ihre Instinkthandlungen. Sie folgen einem Reiz-Reaktions-Schema. Aus einer Instinkthemmung entsteht die gewaltige Revolution, dank der die lebendige Arbeit in der Welt erscheint, und zwar durch eine Umkehrung des Reiz-Reaktions-Schemas in das Aktions-Resultats-Schema. Nur all jenes, das der Mensch nach diesem Schema selber gemacht hat, das hat er auch erkannt, daher handelt es sich bei der philosophischen Disziplin der Erkenntnistheorie um die Logik der Arbeitsprozesse. Diese durchlaufen gemäß den Epochen der Naturgeschichte die gleichen revolutionären Etappen von Naturalismus, Aktionismus, Mechanismus, Chemismus bis hin zum Biologismus, worin die Aufrechterhaltung eines Prozesses zum Zweck geworden ist, denn Leben heißt Prozeß als Selbstzweck. Über diese naturalistische Analogie von Arbeitsprozeßlogik und Naturgeschichte hinaus bringt die menschliche Erkenntnis fünf weitere arbeitsprozeßlogische Stufen hervor, die durch Revolutionen vermittelt sind. Zunächst ist das der Finitismus, darinnen nicht mehr der Prozeß als solcher und damit das Leben selber der Zweck ist, sondern der Zweck des Prozesses, sein Tod, also das Produkt oder Resultat als der erstorbene Prozeß, der Finitismus, der allem Natürlich-Lebendigen ein Ende bereitet. Die den Finitismus, das erkenntnistheoretische Zweckdenken, beendende Revolutionsstufe ist der Infinitismus, also die geistige Produktion, das positive Übernatürliche, dessen negative Vorstufe der Finitismus des toten Zweckdenkens gewesen war. Die nächste Revolution wälzt den Infinitismus in den durchaus wieder endlichen Pädagogismus, der, mit Kant gesprochen, die „synthetischen Urteile a priori“ fällt, weil er seine Arbeits- und Erkenntniskraft selber zum Gegenstande hat. Den Abschluß der Geschichte menschlicher Revolutionen bildet der arbeits¬kraft¬vernichtende Bellizismus, der die revolutionäre Umwertung aller Arbeitskräfte in die Streitkräfte vornimmt. In letzter Instanz revidiert dann der Historismus unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Geschichtskraft alle Resultate des Bellizismus.

XII Die beiden wichtigsten Sätze, die Karl Marx über die Revolution geschrieben hat, lauten: Es ist nicht zu jeder Zeit eine gleich radikale Revolution möglich, und: Der Kapitalismus geht erst unter, nachdem er alle in ihm steckenden produktiven Kräfte entfaltet und ausgereizt hat. – Die revolutionäre Alltagsarbeit des kapitalistischen Wirtschaftssystems besteht darin, alle vor-kapitalistischen Wirtschaftsweisen sich formell und reell zu unterwerfen, wobei die reelle Subsumtion die industrielle Revolution des Wirtschaftszweiges bedeutet. Marx hatte, anders als Lenin, keine praktische Gelegenheit, eine Revolution zu veranstalten. Marx hat aber im „Kapital“, seinem Hauptwerk, revolutionäre Vorgänge beschrieben. Die grundlegende kategoriale Revolution ist die Deduktion des Geldes durch eine Umkehrung der besonderen Wertformen einer Ware in die allgemeine Wertform aller Waren. Dadurch wird eine Ware zur allgemeinen und öffentlichen Ware erhoben und die restlichen Waren zu nichtöffentlichen vereinzelten Privatwaren herabgesetzt. Setzt sich in der öffentlichen Ware das Gold als Naturalie durch, dann ist die allgemeine Ware das Geld. Marxens nächste (theoretische) Revolution, also Umkehrung eines wesentlichen Verhältnisses in ein neues und höheres, ist seine Deduktion des Kapitalbegriffs Geld-Ware-Mehrgeld aus der Umkehrung der Zirkulationsmittelfunktion des Geldes, die von einer Ware über das Geld zu einer anderen Ware führt. Marxens dritte Revolution im „Kapital“ ist seine Ableitung des Begriffs des Aktienkapitals, worin er die Trennung des Kapital-Eigentums vom Kapital-Besitz vollzogen sieht, der Mechanismus der Vergesellschaftung des Kapitals ohne jegliche Verstaatlichung offengelegt ist und das Geheimnis der antikapitalistischen Revolution sich von selber lüftet.

XIII
Im „Rohentwurf“ zum „Kapital“ von 1857/58 hat Marx auf den Seiten 375 ff. in geschichtsphilosophischen Kategorien dargestellt, wie es sich mit den „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn“, verhält. Er unterscheidet sogenannte „ökonomische Gesellschaftsformationen“, nämlich die orientalische, die antike und die germanische Geschichtsform, die sich durch ihre Verhältnisse von Gemeinschaften, Individuen und Erde unterscheiden, wobei die Erde alle Voraussetzungen, Mittel und Gegenstände des produktiven Selbsterhalts umfaßt. In der asiatischen Geschichtsform gehören die Individuen zur Gemeinschaft und die Gemeinschaft verfügt über die Erde, sie ist der Ur-Kommunismus. In der germanischen Geschichtsform ist es umgekehrt, die Individuen verfügen über die Erde und bilden die Gemeinschaft, indem sie sich zum Thing versammeln; hier erst ist Privateigentum und damit Privatfreiheit entstanden. Die antike Geschichtsform ist die Mischung aus asiatischer und germanischer Form, sie unterscheidet ager publicus und ager privatus. Die patrizische Oberschicht kontrolliert als Kollektivdespot den öffentlichen Acker, den sie als Gemein-schaftsrepräsentant an ihre plebejischen Klienten verleihen, aber auch als Privateigentum zweckentfremden kann, was im alten Rom zu den agrarischen Revolutionsversuchen der gracchischen Brüder Tiberius und Gaius (133/123-21 vor) geführt hatte und schließlich in Bürgerkrieg und Republik-Tod endete. Im 20. Jahrhundert war die repräsentative Wiederkehr der antiken Geschichtsform der Mussolini-Faschismus. Hingegen der Wiederaufstieg der asiatischen Geschichtsform hält bis heute an, er begann mit dem Lenin-Trotzky-Putsch im Russischen Oktober 1917.

XIV Die judäo-bolschewistische Machtergreifung in Rußland 1917 war in der Hauptsache eine asiatische Konterrevolution gegen den unreifen russischen Kapitalismus und verdankte ihren Erfolg der Anhäufung weiterer Krisen, als wichtigster jener in der Nationalitätenfrage. Diese war auch entscheidend für den bolschewistischen Sieg im Bürgerkrieg. Denn den Armeen der Weißen kam eine ausländische Intervention zu Hilfe (1918-20) und das ermöglichte es den Roten, die bevorzugte Rolle der Vaterlandsverteidiger zu übernehmen.

XV
Die Sowjetunion hat das Programm, das 1848 im „Kommunistischen Manifest“ skizziert wurde, in den wesentlichen Punkten durchgeführt: Expropriation des Grundeigentums, Abschaffung des Erbrechts (und damit des Privateigentums an Produktionsmitteln), gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen, staatliches Kreditmonopol (MEW 4.481). Dieses Programm ist der Sache nach identisch mit dem Wirtschaftsprogramm, das Josef in Ägypten erfüllte und worüber im Alten Testament berichtet wird (Genesis 47,13-26). Beides war, nach einem Wort von Rudi Dutschke, die Herstellung der „allgemeinen realen Staatssklaverei“.

XVI Lenin und Stalin haben gegen den Kapitalismus keine Revolution durchgeführt, sondern eine Konterrevolution, indem sie Rußland der asiatischen Geschichtsform unterwarfen. Innerhalb dieser asiatischen Konterrevolution aber haben sie gleichzeitig die industrielle Revolution angestoßen. Für Rußland war dies ein blutiger Irrweg, der inzwischen verlassen wurde. Hingegen für die asiatische Hauptmacht China, in der die asiatische Produktionsweise schon immer heimisch war, hat sich deren industrielle Revolution als ein großer Erfolg erwiesen.

XVII
Rußlands historisches Schicksal war das Erleiden und das Überwinden der Gegen¬geschichte. Aus der Steppe stürmte dieses nomadische Prinzip, das den Acker der Bauern, die Grundlage von Geschichte und Recht, zertrampelt. Nach der geschichtlichen Überwindung des Mongolen-sturmes mit seiner Gegengeschichte hatte Rußland zudem die despotische Herrschaftsepoche der asiatischen Konterrevolution zu verwinden. Also ist gegenwärtig und künftig seine strukturelle Re-Germanisierung angezeigt und im Gange.

XVIII
Rußland ist das größte Land der Welt und die Russen sind das größte Volk Europas. Das Russische Reich wird in Zukunft der wichtigste Verbündete des Deutschen Reiches sein und die hauptsächliche Schutzmacht aller souveränen europäischen Völker.