Wie die systematischen Theorien von Hegel und Marx zusammenhängen, das ist ein vielfach behandeltes Thema und daher gründlich vernebelt worden. Dies gilt sogar für die „Bemerkungen zum Verhältnis von ‚Kapital‘ und Hegelscher Wesenslogik“, die der genialische Hans-Jürgen Krahl, einstiger SDS-Cheftheoretiker, hinterließ. Die Antwort wird sein, daß das „Kapital“ nicht mit der Wesenslogik unmittelbar zusammenhängt, sondern mit dem abstrakten Recht ganz am Beginn des objektiven Geistes.

Krahl schrieb in seinen „Bemerkungen“, der Grundbegriff der Ware in Marxens „Kapital“ sei

„unerklärbar ohne Hegels Dialektik von Wesen und Erscheinung“.

Dies hatte Krahl seiner eigenen Auskunft nach von Lenin (aus dessen Exzerpten zu Hegels „Logik“) übernommen, demnach

„der Begriff der Ware als abstraktester Begriff der Marxschen Systemkritik deren Ausgangspunkt bildet“,

und auch,

„daß die Warenform des Produkts … alle Elemente der Hegelschen Wesenslogik enthält“.

Und weiter führt Krahl aus:

„Marx beschreibt das Kapital und seinen Prozeß in Kategorien der Hegelschen Logik. Der Wert wird als wesenslogische Abstraktionskategorie betrachtet.“

Außerdem meinte Krahl, das Kapital sei

„eine in der Zeit sich entfaltende Abstraktion“.

Krahls Grundaussagen über den Zusammenhang von Hegels Wesenslogik mit Marxens Kapitallogik und über den Kapitalprozeß als Abstraktionsbewegung sind aber grundfalsch und lediglich eine damals (um 1968) gängige Redensart des akademischen Zeitgeistes.

Der Grund dieser Falschheit ist ein vielfältiger. – Die Ware ist keine Wesenskategorie, sie ist überhaupt keine Kategorie, sondern ein Begriff. Denn Hegels „Logik“ besteht aus drei Teilen, erstens der einpoligen Seinslogik, zweitens der zweipoligen Wesenslogik und drittens der dreipoligen Begriffslogik. Nur die dreipoligen logischen Bestimmungen sind für Hegel Begriffe, alle ein- oder zweipoligen hingegen sind bloße Kategorien. Also hat die Ware nicht die logische Form des Wesens, sondern die des Begriffs. Die Ware ist aber auch kein bloß logischer Begriff, sondern einer der Geistesphilosophie, und zwar des objektiven Geistes. Dort allerdings steht sie ganz am Anfang, nämlich beim Begriff des abstrakten Rechts. Das Recht beinhaltet bekanntlich einen bestimmten Besitz, der Eigentum (von zu bestimmender Größe) ist. Und dieses Recht ist, in politökonomischer Sprache ausgedrückt, eine Ware. Der Besitz im Recht ist ökonomisch das Gut (oder der Gebrauchsgegenstand) in der Ware und deren Wertgröße ist die Eigentumsgröße des Rechts. Recht und Besitz sind wie Ware und Gut, und die Eigentumsgröße des Besitzes im Recht ist wie die Wertgröße des Gutes in der Ware.

Daß die Ware wie das Recht ein Begriff ist und keiner Wesenslogik folgt, das zeigt sich an ihrer Dreipoligkeit, aber auch an ihrer Objektgeistigkeit. Im Recht selber wie auch in ihm als Ware ist die Naturalie (Besitz, Gut) das begriffslogische Moment der Besonderheit B, die Soziable (Eigentumsgröße, Wertgröße) das Moment der Allgemeinheit A und im identifizierenden Index das Moment der Einzelnheit E. Rein begriffslogisch notiert ergäbe sich also die Formel (B,A)E – aber als Objektgeist des abstrakten Rechts resultiert die identifizierte Einheit eines Besitzes und seiner Eigentumsgröße.

Wie aber könnten wir angesichts dieser Einwände die Betrachtungen „Zur Wesenslogik der Marxschen Warenanalyse“, die Hans-Jürgen Krahl schon 1966/67 im Hauptseminar von Adorno vortrug, vor der Verwerfung retten? Das ist nur so zu bewerkstelligen, indem der dreipolige Begriff aus Gut, Wert und identifizierendem Index zur zweipoligen Kategorie aus Ware und Index verkürzt wird und wir so eine reflexionslogische Konfrontation von Ware 1 und Ware 2 konstruieren können. Wenn man nicht die beiden Bestandteile (von Besonderheit und Allgemeinheit) zweier Waren aufeinander bezieht, sondern nur ihre jeweiligen Ganzheiten als Waren und diese nur durch indizierende Einzelnheiten unterscheidet, so bekommt man in der Tat eine Wesenslogik zweier unterschiedener Waren derart, daß Ware 1 sich in Ware 2 zum Ausdruck bringt, und Ware 2 in Ware 1. Diese Wesenslogik ist zwar unterkomplex, aber möglich.

Die wesenslogischen Bestimmungen sind Identität, Unterschied und Grund. Unsere beiden Waren 1 und 2 sind beides Waren und insoweit identisch, als 1 und 2 aber sind sie unterschieden. Der Unterschied ist eine Reflexionsform, die sich in sich unterscheidet, denn andernfalls wäre sie kein Unterschied. Der sich unterscheidende Unterschied ist Verschiedenheit und Entgegensetzung. Die Verschiedenheit ist der gleichgültige Unterschied, die Entgegensetzung der unausweichliche Gegensatz, dessen Seiten sich nur gegenseitig setzen können – so das Positive und das Negative, aber auch die beiden Waren, die von ihren jeweiligen Besitzern nicht begehrt werden, von ihren beiden Nichtbesitzern aber sehr wohl. Nach der Einigung über die quantitativen Relationen und dem darauf folgenden Austausch ist der unausweichliche Gegensatz der Entgegensetzung zu Grunde gegangen und der Unterschied aufgehoben. Erst das Zu-Grunde-Gehen dieser beiden durch den Austausch erworbenen guten Gründe gründet die Existenzen der befriedigten Bedürfnisse.

Krahl hat Sätze geschrieben, mit denen er seinerzeit den Genieverdacht auf sich zog, z.B.:

„Die Hegelsche Logik ist der Klassenkampf Gottes mit sich selbst.“

Oder auch:

„Marx beschreibt das Kapital und seinen Prozeß in Kategorien der Hegelschen Logik.“

Der Einfluß der Frankfurter Schule hat Krahl in die Irre einer Auffassung des Kapitals als Prozeß der Abstraktion geführt, aber das Gegenteil ist richtig. Das Kapital, beginnend mit der einfachen Wertform, ist immer ein Prozeß fortwährender Konkretion, weil ständig abstrakt-unbestimmte Wertgrößen in konkreten Äquivalenten ausgedrückt werden müssen, um sie am Markt zu realisieren. Alle Transaktionen eines jeden Kapitals sind somit ein fortwährender Prozeß der Konkretionen. Immer wird eine zu bestimmende Wertgröße in einer konkreten Naturalform definiert und diese, wenn möglich, erworben.

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