Dieser Text bezieht sich auf mein Buch „Lehre vom Gemeinwesen”, das noch im Handel erhältlich und in Teilen auf der Seite des Deutschen Kollegs zu lesen ist. Der Brief des Horst Lummert an mich ist derzeit noch per Suchabfrage einsehbar.

Horst Lummert hat mit seinen historisch-umherschweifenden Beiträgen im Sleipnir, insbesondere mit seinen überfallartigen Angriffen auf die geistige Unabhängigkeit unserer germanischen Vorväter, eine heftige und lehrreiche Debatte im Sleipnir 1/96 (vgl. die Beiträge von Sander, Ney und Suevenar) ausgelöst, die das Nomaden-Problem auf einem Niveau behandelt, das einen Nomadologen erfreut. In derselben Ausgabe hat Lummert zu einem Rundumschlag angesetzt, worin er mich mehrfach in einer Weise erwähnt, die zu einigen Richtigstellungen Anlaß gibt. Um die Sache von vorn anzufangen, muß ich zuerst auf Lummerts Brief betreffs meiner „Lehre vom Gemeinwesen” eingehen, der in Heft 3/95 erschienen ist.

In dieser „kleinen Buchkritik” wirft Lummert mir vor, ich würde in meinem Buch „Selbstverdunkelung” betreiben und mit Begriffen „fahrlässig” umgehen und fügt als Beispiel die Begriffe „Person” und „Gott” an: „einerseits beschreiben Sie 'Gott' als 'Geist', der in reinem Zustand 'über den Wassern schwebt', andererseits hat 'jedes Volk seinen eigenen Gott'.” Lummert hat meinen Begriff der Person, welcher derjenige aus der Hegelschen Rechtsphilosophie (und damit der aus dem „Kapital” von Marx) ist, nicht ernstgenommen und folglich nicht den Unterschied zwischen „Geist” und „Gott” wahrgenommen. Die analytische Aus­sage „Gott ist Geist” verwechselt er mit einem Satz der Identität. Ein korrekter Satz der Identität in diesem Zusammen­hang lautet: Gott und die Person sind von selbiger begriff­licher Form. Daraus folgt: Gott ist persönlich und die Person ist göttlich. Es kommt also auf die Analyse der gemeinsamen Begriffs­form an, um Gott als Person und die Person als Gottes­bild zu begreifen. Diese Begriffs­formanalyse ist in der „Lehre vom Gemeinwesen” in mehreren Varianten ausgeführt, aber um diese hirnschweißtreibende Arbeit des Begriffs zieht Horst Lummert einen großen Bogen. Die gemeinsame Begriffs­form von „Gott” und „Person” ist es, natürlich-übernatürliche Subjekte zu sein als Einheit von Naturalform X und Verkehrsform Y, also (X,Y) ist die identische Begriffsform beider. Die Natural­form Gottes ist der Geist, die Verkehrsform Gottes aber seine Anerkennung durch Menschen, die sich dadurch selber als Person, als Gottes Begriffsebenbild, setzen. Der Geist ist die Vollkommenheit (und damit auch die Allmacht), seine Verkehrsform aber die unendliche und ewige Wertschätzung oder Bedeutungsgröße, die der Gläubige dem Geist als der Vollkommenheit zuspricht und sie damit vergöttlicht.

Eine ganz andere Frage ist die zwischen dem einen Gott und den vielen Göttern, z.B. den Völker­göttern, oder auch dem Gott jedes Einzelnen, dem es über­lassen bleibt, welche Art von Geist er vergöttlicht, oder ob er gleich das Geld oder den Lust­gewinn als seinen Gott anerkennt. Bei dem besonderen Gott, den ein geschichtliches Volk ausweislich seiner Taten als den Seinen zu erkennen gibt, war ich davon aus­gegangen, daß dieser nur eine besondere Anschauung des allgemeinen Gottes sei.

Des weiteren greift Lummert meine Bestimmung der Menschen­rechte als Armen­rechte der besonderen Tier­art Mensch als „talmudische Selbst­überhebung” an. Er hat nicht verstanden, daß ich (wie übrigens Hannah Arendt auch) nur ein einziges Menschen­recht anerkenne: das Recht jedes Menschen, Rechte zu haben und somit Rechts­subjekt zu sein, womit wir wieder bei der Person angelangt sind.

Lummert nimmt schon in seiner „Kleinen Buch­kritik” (Sleipnir 3/95) ein auf­fälliges Interesse an Rasse­fragen. Einerseits behauptet er, die Ver­edelung der Deutschen bleibe als Ziel eine substanz­lose Behaup­tung, andrerseits schreibt er: „Das Auf­fällige an den NS-Größen war, daß sie ihren Erb­feinden ähnlicher sahen als dem national­sozialistischen Rasse-Ideal.” Also hat er doch wohl eine sehr genaue Vorstellung von dem Ideal und seinem Gegen­bild wie von dem Ab­stand, den das Real der NS-Größen oder der Deutschen im all­gemeinen von diesem Ideal hat. Da also das Ideal wie sein Gegen­bild bei Freund und Feind wohl­bekannt, ist es auch die Substanz der Ver­edelung im Sinne dieses Ideals und Lummerts Vor­wurf einer substanz­losen Be­hauptung widerlegt. - Übrigens ist das Ganze nur ein geläufiger Witz aus dem Dritten Reich, wo auf die Scherz­frage, wie ein richtiger Germane aussehe, man zu antworten hatte: „Leicht­füßig wie Goebbels, schlank wie Göring und blond wie der Führer!” Zudem ist Lummert entgangen, daß der Witz das objektive Kompli­ment an die NS-Führer enthielt, nicht sich selber als Vor­bild aufgestellt, sondern als durch­aus stark veredelungs­bedürftig dar­gestellt zu haben, als sie das Ideal in einiger Ent­fernung von ihrem individuellen Er­scheinungs­bild postierten.

Bevor noch das Vierte Reich steht, dichtet Lummert schon an der Legende, ich beabsichtigte die Ver­nichtung der Juden, was sich wie folgt liest: „Und Sie... verkündigen,... daß die Juden Nomaden, Nomaden aber das absolute Böse seien, notwendigerweise zu nichtigen.” Also scheint klar wie Kloß­brühe: Ober­lercher will die Nomaden vernichten!

Erstens ist richtig­zustellen, daß in meinem Nomadologie-Kapitel nicht die Nomaden das absolute Böse sind. Selbst der Völker­mord ist nur das Böseste, das wir Deutsche uns vor­stellen können. Das absolute Böse ist das Völker­mord­gebot. Das Völker­mord­gebot finde ich aber im 5. Buch Moses, und diese Manifestation halte ich für einen Aus­fluß der menschlichen Freiheit, auch das Böse wollen zu können und den Kantischen kategorischen Imperativ genau umzu­kehren. - Zweitens hat auch mein vorletztes Kapitel über „Negations­logik als Reichs­theologie” nichts mit Nomaden- oder Judenvernichtung zu tun, sondern mit Metaphysik, d.h. der Frage, wie die Schöpfung der Welt zu denken sei, was also des Geistes weltschaffende Tat sein könnte. Im Unterschied zu Hegel beginne ich nicht mit dem Sein, das in das Nichts umschlägt, sondern gleichsam mit Rissen oder Löchern im Sein, die auch nach dem Umschlag ins Nichts nicht verschwinden und auch nicht im Entstehen und Vergehen, den beiden Momenten des Werdens.

Die freien Nichtse meiner Metaphysik sind auch als ein Löcher­strom vorstellbar, der bei jedem Bestimmungs­schritt des (Hegelschen) Seins mit unendlicher Ver­vielfachung in die entgegengesetzte Richtung fließt. Die freien Nichtse der Negations­logik kann man als nomadisierend charakterisieren, aber nicht mit wirklichen Nomaden oder gar Juden verwechseln, denn die Welt soll ja erst geschaffen werden. Der eine, weltschöpfende Geist nun, wie ich ihn verstehe, schafft die Welt nicht durch Vernichtung der freien Nichtse, sondern durch ihre Nichtung, was das Gegenteil der Vernichtung ist. Durch Nichtung der Nichtse die Welt zu bauen heißt, sie ganz und gar nur aus Nichtsen zu erbauen, so z.B. die Positivität, die Gleichheit, die Identität und anderes mehr. Die jenseitigen Nichts-Nomaden der Negationslogik sind die Bausteine der Monaden, wodurch diese Metaphysik eine nomadologische Monadologie wird. Also weit davon entfernt, das nomadische Denkprinzip zu verteufeln, gewinnt es bei mir höchsten philosophischen Erkenntniswert. (Aber man muß wohl als nächsten Vorwurf gewärtigen, Oberlercher wolle die Juden-Nomaden nicht bloß in ihr Welt-Ghetto, das jüdische Autonomiegebiet in Palästina, verbannen, sondern sie gleich ins Jenseits von Raum und Zeit befördern!)

In Sleipnir 1/96 veranstaltet Horst Lummert unter dem Titel „Siegeszüge des Kleinkarierten oder Der Tellerrand als Horizont” einen Rundumschlag, bei dem ich besonders schlecht wegkomme: mir geschehe sozusagen recht, politisch verfolgt zu werden, plante unsereiner doch „den Ausschluß von Bürgern, die sich nicht anpassen können oder wollen”, und folglich: „Sie haben tatsächlich vor, was Ihnen jetzt geschieht.” (S. 40) Lummert meint Ausbürgerung, woran sich zeigt, daß er meine Position nicht exakt wahrnehmen kann. Hätte er den Reichsverfassungsentwurf ruhigen Blutes gelesen, wäre ihm aufgefallen, daß es darin das Problem der Ausbürgerung garnicht gibt, sondern die (einmal erworbenen) Bürgerrechte solange bestehen, als die entsprechenden Bürgerpflichten erfüllt werden. Einbürgerungsschwierigkeiten treten auch nicht auf, weil nur Volksdeutsche Reichsdeutsche werden können. Der einzige kritische Punkt ist die Naturalisierung von germanischen Ausländern zu Volksdeutschen, weil dies eine Denaturierung von undeutschen Bestandteilen ihrer vorherigen Volksnatur voraussetzt. Die Naturalisierung ist aber noch lange keine Einbürgerung, sondern bloß die Aufnahme in den inländisch-volksdeutschen Privatstand. Und ansonsten behauptet auch Lummert nicht, daß der amtliche Besitz von BRD-Papieren von irgendjemandem auch nur irgendetwas über deutsche Volkszugehörigkeit und daraus fließende Anrechte aussagt.

„Oberlercher will”, behauptet Lummert wieder ohne Quellennachweis, „für jede 'Entmischung', jede 'ethnische Säuberung', wann immer geschehen, die Garantie des Reiches festschreiben.” (S.42) Geschrieben aber habe ich etwas ganz anderes, nämlich: „Die fremdvölkischen Siedlungsgebiete innerhalb der Nationalstaaten... werden garantiert oder durch vereinbarten Gebiets- und Bevölkerungsaustausch beseitigt. Das europäische Realvölkerrecht im allgemeinen und die Reichsgenossenschaftsordnungen (Reichsvölkerrecht) im besonderen werden Vertreibungen militärisch sanktionieren und rückgängig machen, vereinbarte ethnische Entmischungen dagegen völkerrechtlich schützen und ethnische Verschmutzung unter kategorischen Prohibitiv... stellen.” (Staatsbriefe 10/95, S. 31)

Horst Lummert kämpft wie ein Löwe gegen den „Ethnizismus”, also gegen den bäurischen Grundsatz Ein-Volk-ein-Staat. In seiner Sicht der Dinge ist der Bauer der Erzfrevler und Erzfeind, der Nomade aber der menschliche Mensch, vorbildlich und zukunftsweisend. Unser kleiner Vortrupp des deutschen Denkens ist ihm „ein gemeingefährlicher Haufen”, „wahrscheinlich mein Todfeind” (S.42). Dieser Krieger aus der Wüste hat uns im gestreckten Galopp frontal attackiert. Andere Angriffe werden folgen, wahrscheinlich in nicht so ritterlicher Manier.

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