Die Neue Rechte ist die Zwillingsschwester der (alten) Neuen Linken. Neue Rechte und Neue Linke sind Ende der 60er Jahre in Westdeutschland als doppeltes Lottchen erschienen1. Ihr ideologischer Ursprung war derselbe: die politische Romantik. Philosophisch standen sie zwischen dem späten Hegel und dem jungen Marx. Ihre politischen Begriffe waren die selben, nur ihre bevorzugten Anwendungsfelder deutlich unterschieden. So polemisierten Neue Linke wie Neue Rechte gegen den Imperialismus und für die nationalen Befreiungskämpfe unterdrückter und geteilter Völker. Aber während die Neue Linke den US-Imperialismus angriff und für die Solidarität mit dem vietnamesischen Volk eintrat, bevorzugte die Neue Rechte die Front gegen den SU-Imperialismus und das Gemeinschaftsgefühl mit dem deutschen Volk. – Beide Völker sind heute wiedervereinigt, die Vietnamesen schon länger als die Deutschen. Neue Linke und Neue Rechte können je einen geschichtlichen Sieg auch ihren politischen Impulsen zurechnen. Die Neue Rechte kann darüber hinaus den Untergang der Sowjetunion auf der Habenseite verbuchen, wohingegen die Neue Linke noch auf den Staatsuntergang der USA wartet. Die USA scheiterte an Vietnam, das sich vereinigt hat, die SU an Afghanistan, das zerfällt. Die USA werden zerfallen, sobald jede ihrer Völkerschaften zu je einem Nationalstaat sich vereinigt, und die SU ist zerfallen, weil die Titularvölker der ehemaligen Sowjetrepubliken exklusive Nationalstaaten errichten. Die reelle Nationalisierung der Welt ist also der stärkste Treibsatz in der seit 1989 wiederaufgenommenen Geschichte.

Die Neue Rechte, die heute in Deutschland vor allem mit dem Neuen Nationalismus in Verbindung gebracht wird, ist mit ihrem Nationsbegriff nicht über einen etatistisch verengten Hegelianismus hinausgekommen (vgl. Bernard Willms, Idealismus und Nation, Paderborn 1986). Der ihr unter Einfluß der Alten Rechten aufgedrängte Anti-Marxismus nach Hitlers Art hinderte sie am begrifflichen Fortschritt. Nur die Neue Linke, die sich schon Anfang der 70er Jahre zum reifen Marx vorgearbeitet hatte und der Rudi Dutschke schon Ende der 70er Jahre die Marschrichtung auf die deutsche Wiedervereinigung vorgegeben hatte, ist heute eine Deutsche Linke geworden, die dank der Theorie von Marx und Engels einen exakten Nationsbegriff hat, der nicht mißbrauchbar ist und an dem teilzuhaben für die Neue Rechte wie für jede anderen politische Bewegung das Beste wäre.

Die reelle Nation ist ein Volk als das dreifaltige Subjekt seiner Nationalökonomie, seiner Nationalpolitik und seines Nationalbewußtseins. Die reelle Nation ist ein Volk, das Person ist und also einen eigenen Staat ausschließlich für sich selber hat. Volk ist prozessierende Gemeinschaft von Abstammung, Sprache und Schicksal, und insofern ein Volk diese drei Hauptbestimmungen ererbt und erworben hat, um sie zu besitzen und zu überliefern, ist es Besitzer seiner selbst. Das Volk als Besitzer seiner selbst ist Naturalform, die sich Verkehrsform gibt, sobald das Volk Eigentümer seiner selbst wird und einen Staat macht. Damit ist es als Volk zur Person geworden, d.h. zum Rechtssubjekt wie zum Völkerrechtssubjekt.

Den Gemeinwesen, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint nicht nur der Reichtum als eine „ungeheure Warensammlung“; auch das politische Leben tritt auf als riesige Rechtsanhäufung und Personenversammlung und das Seelenleben gibt sich als gesellschaftliche Meinungsfülle und öffentliche Bewußtseinshäufung. Ihre Elementarformen sind die einzelnen Waren, Rechte und Meinungen, ihre Subjektinbegriffe sind die Warenkörbe, die Personen und die Bewußtseine. Die Analyse dieser Elementarformen zeigt, daß sie alle dieselbe Form haben, weil im Kapitalismus alles und jedes die Form der Ware annimmt.

Das gilt ebenso für den neuzeitlichen Nationsbegriff. Denn wenn die reelle Nation ein Volk ist, das als Person bzw. als Staat erscheint, dann ist Volk eine Besitzergemeinschaft, Nation aber dieselbe Besitzergemeinschaft als Gesamteigentümer; somit ist die Nation das souveräne Gemeinwesen, das die Einheit von Gemeinschaft und Gesellschaft bildet, also einen Besitzer, der auch Eigentümer: eine Person eben in der Weltgesellschaft der Nationen. Die reelle Nationwerdung der Völker, die sich vor unseren Augen unter Zerstörung der Staatsnationen, der bloß formellen Nationen, vollzieht, ist die Herausbildung einer höheren Produktionsweise, worin den Völkern als führenden Produktivkräften die gemäßen Produktionsverhältnisse eingeräumt sind. Diese Weltordnung beruht auf dem Prinzip Ein-Volk-ein-Staat. In ihr ist das Menschenrecht der Völker, ihr Selbstbestimmungsrecht, als wirtschaftliche wie als seelische Souveränität durchgesetzt.

Der heute triumphierende Kapitalismus ist eine begriffliche Primitivform mit betriebswirtschaftlicher Beschränktheit des wirtschaftspolitischen Horizonts, dem das Einzelkapital idealiter als Weltfirma mit globalem Einheitsmarkt erscheint. Dieser bornierten Dummsicht verdankt Deutschland die Plattmachung der DDR-Wirtschaft, die Verschleuderung ihrer Filetstücke an ausländisches Finanzkapital und den Verlust der Ostmärkte. Die heute herrschende Kapital-Doktrin ist Vulgärmarxismus zum Thema „Der Produktionsprozeß des Kapitals“. Die Aufhebung dieser trüben Verhältnisse führt über die Herstellung der reellen Nationalökonomien zu einer Weltordnung der Völkerwirtschaften in lokalen, regionalen, nationalen und kontinentalen Kreisläufen.


  1. vgl. Günter Bartsch, Revolution von rechts? Ideologie und Organisation der Neuen Rechten, Freiburg i.Br. 1975. 

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