Pallas Athene ward aus dem Haupte des Zeus als fertige Göttin und in voller Rüstung geboren. Diese mythische Parallele beschwor am 23. und 24. April an der Kieler Universität das „Erste Symposion der Gesellschaft für Neue Phänomenologie“; zu beobachten war: die Geburt einer deutschen Denkschule aus dem Haupte ihres Erfinders Hermann Schmitz, der, gerüstet mit zehntausend Buchseiten systematischer wie historischer Titel, umringt von einer eifrigen Schülerschar und ansehnliche Gefolgschaft erhaltend von gestandenen Akademikern in lehrenden wie praktizierenden Berufen, in Kiel eine erste Heerschau hielt. Denn der Gründer der neuen Philosophenschule beansprucht, alle vier klassischen Fakultäten mit seinem Denken zu befruchten und neue Geisteskinder mit ihnen zu zeugen.

Schmitz bescheinigt das Versanden der alten phänomenologischen Richtung von Husserl über Max Scheler bis zu Heidegger und seinen Anhängern; habe die Phänomenologie einst die Sachen selbst erkennen wollen, so sei ihre Urabsicht heute von ihr selbst dadurch ins Gegenteil verkehrt worden, daß sie nur noch ihre eigene Geschichte betrachte. In dieser ganzen Selbsthistorisierung der akademischen Philosophie sieht Schmitz „eine groteske Verkennung der unauffälligen, aber dennoch, zentralen Rolle der Philosophie im Rahmen der menschlichen Orientierung und andererseits ein unverzeihliches Versagen angesichts der brennenden Aufgaben, die der Philosophie gerade in diesem Jahrhundert gestellt sind“ (Prospekt „Warum Neue Phänomenologie?“).

Schmitzens Haltung ist anti-reduktionistisch und geleitet von der Frage nach dem Boden unserer Selbstvergewisserung, nach dem Grunde unseres Reden, nach dem Sonder- und Einzelsinn, der über die fünf Gemeinsinne hinausgeht. Schmitz fragt also nach dem ersten Sinn, nach dem Gefühl und nach dem Erfahrungsgrunde unseres Redens über die Gefühle. Der deutsche Denker Hermann Schmitz sucht die Ausdrücke für unsere Eindrücke. Wie Kant beruft er sich auf David Hume: „Für alle.. ‚ideas‘ im Sinne von Hume muß nach einer ‚impression‘, einem ‚Sitz im Leben‘, gesucht werden, damit sichergestellt werden kann, daß Philosophie weder zu Begriffsmechanik noch zu Wortmystik entartet.“

In dem verstümmelten Deutschland von heute ist das Verlangen nach unverstümmelter Wirklichkeit höchst brisant; Land und Volk tragen Phantomglieder mit sich herum und leiden an Phantomschmerzen. Damit stecken wir im Denkansatz von Schmitz, der eine Gefühlstheorie ausbreitet, die ihren Sitz im menschlichen Leben an der fortdauernden, leiblichen Erfahrung verlorener Körperteile hat, also an den Phantomgliedern. Diese Theorie ist das eigentümlichste und bedeutendste Werk, das die Schulphilosophie der Zweiten Systemzeit in Deutschland hervorgebracht hat: das „System der Philosophie“, das in den Jahren 1964-80 in zehn Teilbänden erschien. Es ist ein bislang weitgehend ignoriertes, in seiner gewaltigen Anlage für den Kleingeist der BRD sehr untypisches Werk, dessen Inhalt aber gleichwohl in die Zeit der deutschen Geschichtslosigkeit, in der die alten großen Themen der Metaphysik und des Reiches unabhandelbar blieben, hineinpaßt.

Hermann Schmitz ist in gewisser Weise der verwirklichte Heidegger. Seine Gefühlstheorie, die vom Leib statt vom Körper ihren Ausgang nimmt, hat sich von jeglicher Metaphysik radikal gelöst. Ist der Körper der stetige, sicht- und tastbare Gegenstand mit einem relativen Ort im Raum, so ist der Leib das nur Spürbare, das unstetig, verschwommen und insular ist und vom Körper gleichsam zugedeckt wird. Diesen Spürleib des Menschen bringt Schmitz aus seiner Verschwommenheit und unendlichfachen Unentschiedenheit zum Begriff. Dabei weisen seine Begriffe vom Denken, Fühlen, Lieben, Wahrnehmen, Dichten, Einleiben und Ausleiben Ähnlichkeiten auf mit der im geistigen Untergrund der westlichen Welt verbreiteten Esoterik von den immateriellen Gestaltungsfeldern. Liebende z.B. sieht er nicht als einander Liebende an, sondern als voneinander Erfüllte, die sich einleiben, also ein gemeinsames Spürfeld aufbauen. Überhaupt könne niemand Gefühle haben, sondern nur von Gefühlen ergriffen werden, die nicht subjektiver als Landstraßen seien, sondern nur weniger fixierbar.

So wie die Landstraße eine räumliche Erstreckung, so sei das Gefühl die räumliche Ergossenheit einer Atmosphäre vor allem Unterschied von Subjekt und Objekt. Das Erfülltsein vom Geliebten sei eine Einleibung, die Verschmelzung zweier Spürfelder zu einem. Der Denkende hingegen gilt Schmitz als einer, der sich selbst dem kommenden Gedanken als Feld bereitet. Dieses Feld, das zuvor stabil war, hat sich durch Problembewußtsein verrätselt und sich in ein Chaos vager Anmutungen verwandelt. Denken sei leiblich, nicht absichtlich, zwischen Spannungs- und Dämmerzustand gelegen, worin die Reife des Gedankens abgewartet wird. Der Denkende biete ein Feld zwischen den Polen von Spannung und Erwartung, damit das chaotisch Mannigfaltige sich individuieren kann. Der Denker denkt, wenn er das Feld gestaltet, worin der Gedanke sich selbst gestalten kann.

„Im leiblichen Raum gibt es keinen Riß, der etwas von der räumlichen Gegenwart abscheidet.... Im leiblichen Raum sind... die Richtungen aus der Enge des Leibes (der Gegenwart, dem absoluten Ort) in Weite ohne Schranken freigegeben. Dies führt zu dem banalen... Unterschied, daß man im Raum wandern kann, nicht aber (außer imaginär, durch Erinnerung und Erwartung) in der Zeit.“ (1,459) Den Riß gibt es Schmitz zufolge in der zeitlichen Gegenwart des Leibes, die nach Vergangenheit und Anwart (Appraesenz) unterscheide. Die Anwart ist das beständige Hereinbrechen der Zukunft in die Gegenwart und somit der Quell alles Neuen. Jedes anwartliche Überfluten der Gegenwart mit Zukunft erzeugt einen Abschied gegenwärtiger Gegenwart in die Vergangenheit, wodurch die zeitliche Gegenwart von der Vergangenheit abreißt.

Im Leib sei Gegenwart (das Hier-Jetzt-Dasein-Dieses-Ich) als Angst und Schmerz gegeben. (In der Tat eine sehr deutsche Gegenwart!) Der Ort des Leibes sei daher absolut, der Ort des Körpers relativ, die Seele aber ortlos im Raum. Die Spürinseln des Leibes bildeten strahlende Herde, die in sich körnig, aber niemals scharf umrissen seien. Der Körper sei teilbar, der Leib nicht, was an Phantomgliedern, die wirkliche Leibesinseln seien, deutlich werde. Phantomglieder seien Leibesinseln ohne ortsgleiche Körperteile. „Bei panischer Angst und panischem Schmerz geht...dem Bewußtsein die räumliche Orientierung verloren, aber auch dann... meldet sich höchst aufdringlich ein Ort, der das Wovon des ‚Weg!‘ bildet.... In jedem leiblichen Befinden ist stets ein absoluter Ort gegeben.“ (2.2,11) In der Panik entsteht somit ein raumloser Ort.

Die Welt ist nach Schmitz von unberechenbar ergreifenden Atmosphären durchzogen, die göttlich sind, wenn sie mit unbedingtem Ernst als Person aufgefaßt werden. Der Monotheismus sei eine Ideologie, die vom Göttlichen entlaste. Das Göttliche dränge sich als dämonisch-abgründiger, überall gegenwärtiger Raum auf, der dem Menschen unbeherrschbar und undurchschaubar sei und ihn verwirre. Die Götter sind also personifizierte Gefühle, die den Raum als Atmosphären, unberechenbar wie das Wetter und doch immer neue Vorhersagen provozierend, durchziehen. Sind die Götter (wie die Gefühle überhaupt) räumlich, kann das Jenseits nur jenseits der Zeit sein, so daß unserem Philosophen der Jüngste Tag, die Ewigkeit und die Wiederauferstehung der Toten keine Schwierigkeiten bereiten. Denn er begreift die Zeit dreifach: als Lagezeit (vorher-nachher-gleichzeitig), als Modalzeit (Vergangenheit und Anwart als auf Gegenwart andrängende Zukunft) und als Dauer (ununterbrochener Bestand von Ereignissen und Zuständen ohne Ordnung und Einteilung).

Die Gegenwart ist der unbezweifelbare Augenblick der Vereindeutigung (Individuation) der Welt, und so handelt der erste Band des „Systems der Philosophie“ von der Gegenwart, der letzte Band von ihrer Aufhebung. Die Gegenwart ist aufgehoben, wenn keine Zukunft mehr auf sie eindringt, also alle Anwart (Appraesenz) verschwindet und damit auch die Vergangenheit. Ist die Modalzeit verschwunden und nur noch Lagezeit und Dauer vorhanden, hebt sich mit der Vergangenheit ihre Verhangenheit auf, die Toten (wie alles sonstige Gewesene) stehen wieder auf als Leiber, aber nicht als Körper. Wir alle spüren uns wieder wie Phantomglieder, können an uns, unseren Vorfahren und unseren Nachfahren das Vorher und Nachher unterscheiden und durch Ein- und Ausleibung miteinander kommunizieren. Diese Ewigkeit ist zugleich der Tag des jüngsten Gerichts, weil die Lage aller Zeiten und Leiber auf Dauer an den Tag tritt.

Wo die Zukunft aufgehört hat, auf Gegenwart einzudringen, schließt sich der Riß zwischen Gegenwart und Vergangenheit und der Spaziergang in der Zeit wird möglich. Zeit ist nur noch Lagezeit und Dauer, denn vom jüngsten Tag an dauert alles ewig. In der Ewigkeit sind wir dann allerdings im Himmelreich: der hienieden begehbare Raum ist vergangen, das Himmelreich ist der Spürraum, der zugleich vergangener Körperraum ist. So wie wir Irdischen in der Vergangenheit nur herumgeistern, können die Himmlischen im Körperraum nur noch spuken, aber nicht mehr spazierengehen.

Die Kühnheit des Gedankensystems von Hermann Schmitz sei damit fürs erste belobigt. Die Begrenztheit des Systems fallt aber sofort ins Auge.

Als Theorie der Gefühle ist es ein beachtlicher Beitrag zur Explikation der Naturalformen menschlichen Seins, vermag aber nichts zu dessen Verkehrsformen, nichts zu Recht, Staat, Politik und Geschichtsgang beizutragen. Ignoriert Schmitz nun zwar die Verkehrsformen, so weiß er durchaus etwas zu den besonderen emotionellen Naturalformen der in den rechtlich-politischen Verkehr verstrickten Menschen zu sagen. So betrachtet er Zorn und Scham als „unverfügbare Leitbilder des rechtlich Ungehörigen“ (Der unerschöpfliche Gegenstand, Bonn 1990, 5. 387). Gemeinschaft, Gesellschaft und Verein sind für Schmitz Organisationen und Institutionen, die sich durch den Grad der Explizitheit ihrer Verhaltensregeln unterscheiden und die eine Reihe der zunehmenden Zersetzung ihres Gefühlsfeldes bilden. Die Zersetzung vollendet sich in der Satzung; Vereine sind nach Schmitz satzungsfähige Situationen der Menschen.

Der Staat schließlich ist Schmitz zufolge eine Organisation ohne festgelegten Zweck: der Staat ist seiner Naturalform nach ein freizweckliches Gebilde, aber kein zweckfreies, und darin dem Gelde verwandt. Parteien hingegen seien Organisationen, die Staatszwecke vorzuschlagen hätten, also Programmentwurfs- und Programmdurchsetzungsvereine. Diese Bestimmung der Naturalform der Partei würde erklären, warum ein Parteimitglied, das einen eigenen Programmentwurf veröffentlicht, aus der Partei ausgeschlossen werden muß: nämlich weil es eine eigene Partei ist und daher ein Fremdkörper in jeder anderen Partei.

Zum Parteienstaat der BRD verhält sich die Schmitzsche Philosophie also apologetisch, und sie kann dies, weil sie wie die ganze phänomenologische Schule bis zu Heidegger und seinem Intimfeind Carl Schmitt hin den Begriff des Politischen nicht faßt.

Seit Nietzsche wurde in der deutschen Philosophie der Begriff des Politischen verfehlt und Staatlichkeit nicht sachgemäß durchdacht. Der Verrat am Deutschen Idealismus machte es zu einem Ding der gedanklichen Unmöglichkeit, eine politische Philosophie zu entfalten. Das führte zu der praktischen Unfähigkeit, das vom Hegelianer Bismarck geschaffene Reich zu behaupten. Man könnte das Freund-Feind-Verhältnis als streitende Gefühlsrichtungsräume erläutern, ohne die Naturalformen und das Vorpolitische zu verlassen.

Die Kongreßthemen haben einen bunten Bilderbogen BRD-akademischer Harmlosigkeiten von der Inkarnationstheologie über die Kommunikationspsychologie, Angsttherapie, Kinderzeichnungspädagogik und Unternehmensberatung bis hin zur Traumdeutung entfaltet und die These vom vorpolitischen Charakter aller Phänomenologie illustriert.

Hermann Schmitz: das ist die BRD in Gedanken gefaßt, ist ihre theoretische Vollendung an ihrem praktischen Ende. In der gleichen Zeit, in der das allgemeine Geschwätz von der Betroffenheit unerträglich anschwoll, entstand in einem Krähwinkel der Westzone die höchst beachtliche Philosophie der menschlichen Betroffenheit.

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